Psychotherapie Meerbusch – Ismeta Radaj

Wünsche
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Wenn Du lange nichts erwarten konntest, hörst Du irgendwann auf zu wünschen

3 Min. Lesezeit

Manche Menschen haben sofort Antworten, wenn man sie fragt:
„Was wünschst Du Dir?“
„Wo möchtest Du in einem Jahr stehen?“
„Was würde Dich glücklich machen?“

Und manche Menschen werden bei dieser Frage still.
Nicht, weil sie keine Fantasie haben, anspruchslos sind oder nichts brauchen.
Sondern weil sie irgendwann aufgehört haben, überhaupt noch in diese Richtung zu denken.

Das fällt mir immer wieder in meiner Praxis auf. Besonders dann, wenn wir gemeinsam ein Ressourcen- oder Zieldiagramm erarbeiten. Auf der einen Seite stehen Belastungen, Herausforderungen, Sorgen. Die lassen sich oft erstaunlich leicht benennen.

Doch wenn es um Wünsche geht, um Sehnsüchte, um Ziele oder um die Frage, was dem eigenen Leben guttun würde, entsteht manchmal eine lange Pause.

Und dann kommt oft ein Satz wie: „Ich weiß gar nicht, was ich möchte.“

Wenn Wünsche irgendwann keinen Platz mehr haben

Mich überrascht das nicht mehr, denn viele dieser Menschen sind nicht mit der Erfahrung aufgewachsen, dass ihre Wünsche überhaupt einen Platz hatten.

Da war niemand, der regelmäßig gefragt hat:
„Wie geht es Dir eigentlich?“
„Wie war Dein Tag?“
„Worauf hast Du Lust?“
„Was brauchst Du gerade?“

Manchmal waren die Eltern selbst überfordert. Manchmal war die Familie groß und Aufmerksamkeit musste geteilt werden. Manchmal fehlte schlicht der Raum – emotional, zeitlich oder finanziell.

Und wenn doch einmal ein Wunsch auftauchte, wurde er oft klein gemacht:

„Das ist doch nicht so schlimm.“
„Stell Dich nicht so an.“
„Dafür haben wir kein Geld.“
„Das brauchst Du doch gar nicht.“

Mit der Zeit lernen wir in der Kindheit etwas Erstaunliches. Nicht, dass Wünsche unerfüllbar sind. Sondern dass es einfacher ist, sie gar nicht erst zu spüren.

Sie stellen sich zurück. Sie werden bescheidener, anspruchsloser und angepasster.

Und zunächst wirkt das sogar vernünftig. Doch manchmal hat diese Genügsamkeit einen Preis.

Wie aus Anpassung langsam ein inneres „Ich brauche nichts“ wird

Denn irgendwann verschwinden nicht nur die ausgesprochenen Wünsche.
Irgendwann verschwindet auch der Impuls, überhaupt nach innen zu fragen, was man möchte.

Dann wird aus dem ursprünglichen Verzicht langsam Normalität und aus Anpassung wird Identität.

Wir sind dann einfach überzeugt davon, keine zu brauchen.

Doch Wünsche, die auch ein Bedürfnis in sich tragen, verschwinden nicht einfach.

Der Wunsch nach Nähe verschwindet nicht.
Wir Menschen sind auf Verbindung angewiesen. Gesehen zu werden, Trost zu finden oder sich bei jemandem anlehnen zu können, gehört zu den tiefsten menschlichen Erfahrungen.

Der Wunsch nach Entwicklung verschwindet ebenfalls nicht. In uns lebt von Natur aus etwas, das wachsen, entdecken und sich entfalten möchte.

Und auch der Wunsch, verstanden, gesehen oder unterstützt zu werden, bleibt bestehen – selbst dann, wenn wir gelernt haben, nichts mehr zu erwarten.

Wenn Bedürfnisse bleiben, aber nicht mehr gespürt werden

Und vielleicht beginnt Veränderung nicht damit, sofort große Ziele zu haben.

Vielleicht beginnt sie viel früher. Mit einer ungewohnten Frage:

Wenn niemand enttäuscht wäre, niemand etwas dagegen hätte und alles möglich wäre – was würdest Du Dir wünschen?