Psychotherapie Meerbusch – Ismeta Radaj

Warum es beim Perfektionismus oft um viel mehr als Perfektion geht
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Warum es beim Perfektionismus oft um viel mehr als Perfektion geht

5 Min. Lesezeit

Es gibt Menschen, die betreten eine Wohnung und sehen sofort den Bilderrahmen, der leicht schief hängt. Sie lesen eine E-Mail und entdecken den einen Tippfehler, obwohl der Inhalt gelungen ist. Sie halten einen Vortrag, erhalten zwanzig positive Rückmeldungen – und denken den ganzen Abend nur an den einen Satz, den sie anders hätten formulieren können.

Von außen wirkt das oft wie Ehrgeiz, Disziplin oder ein hoher Anspruch an sich selbst, ohne zu ahnen, wie viel Druck dahinter steckt.

Auf den ersten Blick scheint es, als wollten perfektionistische Menschen etwas Besonderes sein. Sie möchten erfolgreich sein, alles richtig machen, Anerkennung bekommen oder zu den Besten gehören.

Doch genau darin liegt das Paradoxon. Sie streben nicht nach dem Außergewöhnlichen, weil sie außergewöhnlich sein möchten.

Sie streben danach, weil sie glauben, nur dann zu genügen.

Der Wunsch, besonders zu sein, ist deshalb oft nicht das eigentliche Ziel. Er ist der Versuch, einem tiefen Gefühl zu entkommen: Nicht gut genug zu sein.

Perfektionismus ist deshalb häufig weniger der Wunsch nach Erfolg, als die Angst vor Scham.

Die Angst, Fehler zu machen.

Die Angst, enttäuschend zu sein.

Die Angst, dass andere hinter die Fassade blicken und erkennen könnten:

„Mit mir stimmt etwas nicht.“


Niemand soll hinter die Fassade schauen

Das ist oft das unsichtbare Leitmotiv.

Viele Menschen versuchen, ihr Leben bis ins Detail zu kontrollieren. Sie optimieren ihren Körper, ihre Leistung, ihre Wohnung, ihre Ernährung oder ihr Auftreten. Sie versuchen möglichst fehlerfrei durchs Leben zu gehen und den Erwartungen anderer gerecht werden.

So entsteht die Hoffnung, kontrollieren zu können, wie andere einen sehen.

In meiner Arbeit begegnen mir Menschen, die unglaublich viel leisten. Sie übernehmen Verantwortung, kümmern sich um andere, denken voraus und versuchen, Fehler um jeden Preis zu vermeiden.

Nach außen wirken sie stark aber im Inneren kämpfen viele mit Gedanken wie:

Was denken die anderen über mich?

Ich bin nicht gut genug.

Wenn ich das nicht schaffe, bin ich nichts wert.

Perfektionismus wird dann zu einer Schutzstrategie. Nicht bewusst. Sondern aus einer tiefen Angst heraus.


Wie entsteht Perfektionismus und warum Scham dabei eine Rolle spielt?

Perfektionismus entwickelt sich meist über viele Jahre und wird von unterschiedlichen Erfahrungen geprägt.

Manche Menschen wachsen in Familien auf, in denen Leistung, Gehorsam oder Fehlerlosigkeit einen hohen Stellenwert haben. Andere erleben Kritik, Bloßstellung oder das Gefühl, nur dann Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, wenn sie funktionieren.

Auch kulturelle Werte können eine Rolle spielen. In manchen Familien steht weniger die Frage im Mittelpunkt: „Wie geht es dir?“ als vielmehr: „Was werden die anderen sagen?“

Wer immer wieder erlebt, dass Fehler, Scheitern oder Anderssein mit Ablehnung verbunden sind, beginnt oft, sich selbst immer stärker zu kontrollieren.

Mit der Zeit entsteht daraus eine innere Überzeugung:

Ich darf mir keinen Fehler erlauben.

Nicht, weil Fehler gefährlich sind. Sondern weil sie etwas viel Schmerzvolleres auslösen können.


Wenn aus Fehlern Scham wird

Kinder kommen nicht mit dem Gefühl auf die Welt, falsch zu sein. Sie lernen es.

Wenn Fehler regelmäßig mit Kritik, Bloßstellung oder Abwertung beantwortet werden, entsteht mit der Zeit eine gefährliche Verwechslung.

Aus: „Ich habe einen Fehler gemacht.“

wird: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Das ist der Unterschied zwischen Schuld und Scham.

Schuld bezieht sich auf ein Verhalten und die Scham greift die eigene Person an.

Sie sagt nicht: „Du hast einen Fehler gemacht.“

Sie sagt: „Du bist der Fehler.“

Wer das früh erlebt, versucht später oft, Fehler gar nicht erst entstehen zu lassen – aus Angst, erneut Scham zu erleben und dadurch Ablehnung oder Ausschluss zu erfahren.

Deshalb ist Scheitern für viele perfektionistische Menschen so schmerzhaft. Es fühlt sich nicht wie ein Misserfolg an, sondern wie ein Beweis dafür, nicht gut genug zu sein.


Die unsichtbare Anstrengung und der Preis dafür

Deshalb kontrollieren viele Menschen alles, was sich kontrollieren lässt.

Sie überlegen genau, was sie sagen.

Sie arbeiten länger als nötig.

Sie entschuldigen sich vorsorglich.

Sie vergleichen sich ständig mit anderen.

Sie optimieren ihren Körper, ihre Ernährung oder ihr Zuhause.

All das kann kurzfristig Erleichterung verschaffen. Denn für einen Moment entsteht das Gefühl, gut genug zu sein, dazuzugehören und keine Angriffsfläche für Scham zu bieten.

Das Tragische daran ist:

Je perfekter die Fassade wird, desto weniger Raum bleibt für den Menschen dahinter.

Und genau das kostet unendlich viel Kraft.

Darüber hinaus, gilt der dysfunktionaler Perfektionismus als Risikofaktor für verschiedene psychische Erkrankungen, darunter Depressionen, Angststörungen, Essstörungen und Zwangsstörungen. Die Forschung zeigt zudem, dass Scham einer der zentralen emotionalen Mechanismen ist, die diesen Kreislauf aufrechterhalten.

Perfektionismus kostet Energie – aber auch Freiheit. Spontaneität. Neugier. und oft auch die Freude am Leben. Vor allem aber kostet er Beziehungen.

Denn echte Nähe entsteht dort, wo wir erleben:

„Ich darf unvollkommen sein und werde trotzdem angenommen.“

Wer ständig versucht, unangreifbar zu sein, zeigt irgendwann auch immer weniger von sich selbst.

Die Schutzmauer wird immer höher und hält auch Liebe, Verbundenheit und echte Begegnung auf Abstand.


Veränderung beginnt an einem anderen Ort

Perfektionismus verschwindet nicht dadurch, dass wir uns vornehmen, lockerer zu werden. Er verändert sich, wenn wir langsam erfahren, dass unser Wert nicht davon abhängt, fehlerfrei zu sein.

Dass wir nicht ständig kontrollieren müssen, was andere über uns denken und dass die Erwartungen anderer nicht unseren Wert bestimmen.
Denn wir müssen nicht erst liebenswert werden. Wir sind es bereits – für die Menschen, denen wir wichtig sind.

Vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht dort, wo wir endlich perfekt werden. Sondern dort, wo wir den Mut finden, die Fassade ein wenig zu senken und erleben, dass wir auch mit unseren unvollkommenen Seiten angenommen werden.

Denn genau dort endet der Kampf gegen sich selbst.

Und genau dort beginnt echte Veränderung.