Psychotherapie Meerbusch – Ismeta Radaj

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Wenn die Scham Dich vom Leben abhält

5 Min. Lesezeit

Scham ist ein Gefühl, das viele von uns kennen, aber nur wenige wirklich benennen können. Sie ist oft leise, kaum greifbar und zeigt sich nicht immer direkt. Häufig versteckt sie sich hinter Wut, Selbstzweifeln oder Rückzug – und wirkt doch im Hintergrund sehr stark. Vielleicht kennst Du dieses Gefühl, ohne es genau einordnen zu können: etwas in Dir hält Dich zurück, macht Dich vorsichtig oder lässt Dich an Dir selbst zweifeln.

Scham gehört zu den grundlegenden menschlichen Gefühlen und ist zugleich ein sehr sensibles. Der Schamforscher Léon Wurmser beschreibt sie nicht nur als belastendes Gefühl, sondern auch als eine Art inneren Schutzmechanismus. Scham kann uns auf Grenzen aufmerksam machen – auf unsere eigenen oder auf solche, die verletzt wurden. Sie steht damit auch in Verbindung mit unserer Würde und unserem Bedürfnis nach Schutz und Zugehörigkeit.

Was ist Scham eigentlich?

Um Scham besser zu verstehen, hilft es, kurz zu wissen, wie Gefühle und Emotionen in uns entstehen.

Zuerst spüren wir körperliche Empfindungen – ein Engegefühl, ein Kloß im Hals, ein warmes Erröten. Diese unmittelbaren Gefühle sind oft noch ohne Worte.

Dann kommen Gedanken: „Ich habe etwas falsch gemacht“, „Ich bin nicht gut genug“. Wenn diese körperlichen Empfindungen, Gedanken und oft auch körperliche Reaktionen wie Erröten zusammenkommen, entsteht die Emotion Scham.

Scham ist also mehr als nur ein Gefühl – sie ist eine komplexe Erfahrung, die uns tief berührt und oft auch lähmt.

Die vier Arten der Scham – nach Dr. Stephan Marks

Der Schamforscher Dr. Stephan Marks unterscheidet vier Arten von Scham, die uns helfen, die verschiedenen Facetten dieses Gefühls besser zu verstehen. Vielleicht erkennst Du Dich in einer oder mehreren davon wieder:

 

1. Intimitätsscham

Diese Scham entsteht, wenn unsere persönlichen Grenzen tief verletzt wurden – durch Erfahrungen wie Missbrauch, Vergewaltigung oder andere traumatische Erlebnisse. Sie fühlt sich an, als würde man unsichtbar gemacht oder wie Luft behandelt. Diese Scham sitzt tief und kann unser Vertrauen in uns selbst und andere massiv erschüttern.

2. Peinlichkeitsscham

Jeder kennt sie: Das Gefühl, sich blamiert zu haben oder Angst davor, was andere denken könnten. Diese Scham ist oft vorübergehend und gehört zum sozialen Miteinander dazu. Sie hilft uns, uns in der Gesellschaft zurechtzufinden und unser Verhalten anzupassen. Doch wenn sie zu groß wird, kann sie uns lähmen und davon abhalten, wir selbst zu sein.

3. Kulturscham

Diese Scham ist eng verbunden mit gesellschaftlichen Erwartungen, Ehre und dem Wunsch, das eigene Ansehen zu bewahren. Sie prägt, wie wir in unserer Kultur mit Scham umgehen und kann sehr mächtig sein. Kulturscham beeinflusst, wie wir uns in Gemeinschaften verhalten und wie stark wir uns anpassen oder zurückziehen.

4. Gewissensscham

Diese Scham entsteht, wenn wir gegen unsere eigenen Werte oder Überzeugungen verstoßen. Sie geht über Peinlichkeit hinaus und kann uns tief treffen. Gewissensscham kann aber auch ein Antrieb sein, sich zu verändern und zu wachsen.

Vielleicht spürst Du, dass Deine Scham Dich daran hindert, Deine Ziele zu erreichen, an Dich selbst zu glauben oder Dich wirklich zu zeigen. Vielleicht ziehst Du Dich zurück, nicht nur aus Schüchternheit oder Introvertiertheit, sondern weil da diese tiefe, schwer greifbare Scham ist, die Dich klein hält, zurück hält oder gefangen hält.

Scham kann wie ein Schleier sein, der uns vom Leben abhält. Sie flüstert uns zu: „Du bist nicht genug“, „Du bist falsch“, „Du darfst nicht gesehen werden“. Und oft wissen wir gar nicht, dass es Scham ist, die da spricht – weil sie sich hinter Wut, Selbstkritik oder Rückzug versteckt.

Scham erkennen und verstehen – der erste Schritt zur Freiheit

Der erste Schritt, um Scham zu überwinden, ist sie zu erkennen und zu benennen. Wenn Du spürst, dass da etwas ist, das Dich klein hält, das Dich zurückzieht oder Dir das Gefühl gibt, nicht gut genug zu sein, dann könnte das Scham sein. Du bist nicht allein damit.

Vielleicht helfen Dir diese Fragen der Selbstreflexion, um Deine eigene Scham besser zu verstehen und ins Gespräch mit Dir selbst zu kommen:

  • Wo beschämst Du Dich selbst? Wodurch entsteht dieses Gefühl?
  • Auf welche Weise beschämst Du Dich? Zum Beispiel durch Kleinmachen, innere Kritik, belastende Gedanken, Vergleiche mit anderen, Abwertungen oder innere Strenge?
  • Was tust Du aus Scham – welche Verhaltensweisen oder Reaktionen zeigen sich?
  • Was vermeidest Du aus Scham – welche Dinge traust Du Dich nicht zu tun oder zu sagen?
  • Welche Funktion erfüllt die Scham in dem Familiensystem, in dem sie entstanden ist? Diente sie der Kontrolle, dem Erhalt von Bindung oder vielleicht als Ausdruck von Liebe?

Diese Reflexionsfragen sind eine Einladung, Dich behutsam mit Deiner Scham auseinanderzusetzen. Denn nur wer sie erkennt, kann beginnen, sich von ihr zu befreien.

Wenn Du einen sehr interessanten Podcast über Scham hören möchtest, dann empfehle ich Dir das Interview mit Dr. Stephan Marks im Podcast „Hotel Matze“ – eine sehr interessantes Gespräch mit diesem wichtigen Thema:
Podcast mit Dr. Stephan Marks Schamforscher Dr. Stephan Marks – Warum ist Scham das Gefühl unserer Zeit? – Hotel Matze – Podcast